Reha-Kolloquium: ein Netz gegen die Alkoholsucht

Nur zwei Prozent der Alkoholabhängigen finden einen Therapieplatz – Fachverband Sucht fordert schnellere Behandlung und bessere Prävention

45,8 Jahre, männlich, erwerbslos, seit 15 Jahren abhängig: So sieht heute der durchschnittliche alkoholkranke Patient in stationären Suchtkliniken aus. Von den geschätzt rund 1,8 Millionen Alkoholabhängigen in Deutschland bekommen derzeit nur 40.000 pro Jahr einen stationären Therapieplatz – also gerade mal zwei Prozent. Außerdem greifen Hilfen durch Ärzte und Suchtberatungen im Vorfeld stationärer Therapien zu spät. „Wir müssen mehr in die Prävention und Früherkennung investieren“, fordert Rudolf Bachmeier, Qualitätsmanager der Johannesbad Gruppe, die vier Suchtkliniken betreibt, beim diesjährigen Reha-Kolloquium (20. bis 22. März in Frankfurt). „Ein rascher Behandlungsbeginn verkürzt die Leidenszeiten der Alkoholkranken, reduziert Folgeerkrankungen wie beispielsweise Krebs und verhindert ein soziales Abrutschen.“ Damit könnten auch die Kosten für das Gesundheitswesen gesenkt werden. Diese beziffert die Universität Hamburg in einer Studie mit rund 40 Milliarden Euro. Rudolf Bachmeier betont für den Fachverband Sucht (FVS) e. V.: „Ärzte, Beratungsstellen, Kliniken und stationäre Einrichtungen müssen sich besser vernetzen, um Menschen mit Suchterkrankungen schneller zu therapieren.“

Realität schreckt ab

In den Suchtkliniken der Johannesbad Gruppe in Bad Fredeburg und Furth im Wald wird Prävention gelebt: Sozialarbeiter der vier Häuser besuchen mit Patienten regelmäßig Schulen. Mit dem Präventionsprojekt „in between“ kommen auch zunehmend auswärtige Schulen zur Präventionsveranstaltung in die Johannesbad Fachklinik Fredeburg, die dafür mit Polizei und Suchtberatungsstellen zusammenarbeitet. „Wenn ein Abhängiger schildert, wie er in die Sucht gerutscht ist und wie hart es ist, wieder herauszukommen, beeindruckt das die Jugendlichen. Das schreckt stärker ab als jeder Film oder gar eine ganze Woche Prävention an der Schule“, sagt Romy Friederici aus der Johannesbad Fachklinik Fredeburg. Dieses Präventionsangebot nutzen auch Firmen wie Thyssen Krupp, Pierburg Neuss, Fuchs Meinerzhagen oder die Gemeinschafts-Lehrwerkstatt-Arnsberg GmbH. „Auszubildende bekommen in solchen Gesprächen einen intensiven Einblick in die Suchttherapie und mehr Verständnis für den schleichenden Weg in die Abhängigkeit“, erzählt Romy Friederici.  

Der Weg zurück ins Leben

Noch immer vermitteln Suchtberatungsstellen den Großteil der Patienten in die stationären Therapien. „Dabei sind meist Hausärzte die ersten Ansprechpartner – sie müssen besser geschult werden, um Suchterkrankungen und deren erste Symptome schneller zu erkennen“, sagt Rudolf Bachmeier. Derzeit kommen die meisten Überweisungen aus Beratungsstellen und Krankenhäusern. Eine engere Betreuung nach der Behandlung könne zudem die Rückfallquote weiter verringern. Rudolf Bachmeier sagt: „Das hilft, Krisen zu bewältigen und schafft eine schnellere Wiedereingliederung in das Leben und auch ein Zurück in den Beruf.“

Hintergrundinformation

„Effektivität der stationären Suchtrehabilitation – FVS-Katamnese des Entlassjahrgangs 2013 von Fachkliniken für Alkohol- und Medikamentenabhängige“ – Untersuchung des Fachverbandes Sucht, Bachmeier et al. (2016) SuchtAktuell 5 - 20:

Vermittler für Patienten in stationäre Therapien:

- 54,4 Prozent von Beratungsstellen
- 20,3 Prozent von Krankenhäusern (meist nach einem Entzug)
- 2,2 Prozent durch ärztliche oder psychotherapeutische Praxen

Therapieerfolg:

- 40,9 Prozent erfolgreich bzgl. Suchtmittelkonsum ein Jahr nach Beendigung der stationären Therapie (30,7 Prozent abstinent, 10,2 Prozent wieder abstinent nach Rückfall)

Gründe für Rückfälle in die Sucht sind:

- Frustration und Enttäuschung (28,6 Prozent)
- Depressionen (28,3 Prozent)
- Einsamkeit (22,1 Prozent)
- schwierige Lebenssituationen (21,5 Prozent)

Autor: Redaktion Rehakliniken Online

Stand: 21.03.2017

Quelle:

Johannesbad Gruppe

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