Ein Urteil gegen die Menschen

Landgericht Bielefeld spricht sich gegen Selbstsperren für Glücksspielabhängige aus. Experten der Johannesbad Gruppe kritisieren: „Das demotiviert Betroffene.“Spielsüchtige können keine Sperre in Spielhallen verlangen. Das hat jetzt das Landgericht Bielefeld entschieden. Die Begründung: Das Gesetz gebe einen solchen Anspruch nicht her.

Spielsüchtige können keine Sperre in Spielhallen verlangen. Das hat jetzt das Landgericht Bielefeld entschieden. Die Begründung: Das Gesetz gebe einen solchen Anspruch nicht her.

 

Bei den Experten der Johannesbad Gruppe, die in vier Kliniken in Nordrhein-Westfalen und Bayern Glücksspielsüchtige therapiert, stößt diese Entscheidung auf Unverständnis: „Eine Selbstsperre ist für Spielsüchtige ein wichtiger erster Schritt, um die Abhängigkeit zu besiegen. Mit diesem Urteil wird ihnen dieser Weg verbaut“, erklärt Dr. Jens Schneider, Psychiater und Chefarzt der Johannesbad Fachklinik Hochsauerland in Bad Fredeburg. Seine Kollegen Prof. Reinhart Schüppel und Dr. Dieter Geyer, Chefärzte der Johannesbad Fachkliniken Furth im Wald, Fredeburg und Holthauser Mühle, ergänzen:
„Die Frage hätte nicht lauten dürfen, ob eine Selbstsperre möglich gemacht wird, sondern wie diese mit dem Datenschutz und anderen gesetzlichen Rahmenbedingungen in Einklang gebracht wird.“ Aus Sicht der Experten ist das Verfahren unglücklich gelaufen und vermittelt nun den Eindruck, dass die Geschäftsinteressen eines Glücksspielanbieters über die Interessen der Menschen gestellt werden.

Rund 450.000 Menschen zählt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zu problematisch und pathologisch Glücksspielenden. Das Suchtpotenzial – vor allem von Automaten, Casinospielen und Sportwetten – ist hoch; der Schutz gefährdeter Menschen nicht ausreichend geregelt. Dr. Jens Schneider weiß, wie groß die Gefahr ist, nach einer Therapie rückfällig zu werden. „Menschen kommen in Deutschland überall mit Glücksspiel in Berührung“, warnt der Arzt und Therapeut. Die Spielautomatendichte ist hoch, Sportwetten boomen, Glücksspiele sind online frei verfügbar. Umso wichtiger sei es, Gefährdete bereits im Vorfeld besser zu schützen, um im besten Fall die Sucht zu verhindern oder mindestens einen Rückfall zu vermeiden. „Selbstsperren wären hier ein deutliches Signal“, betont der Chefarzt.

Dazu ist die Neuordnung des Glücksspielmarkts in der Diskussion. Ein Sperrsystem für Spielhallen, das es bereits seit 2014 in Hessen gibt, sehen die Experten als ersten Schritt für die Spieler. Wer spielsüchtig ist oder sich dafür hält, kann sich für jede hessische Spielhalle sperren lassen. Fortan hat er dort mindestens ein Jahr lang keinen Zutritt mehr. Eine bundesweite Einführung der Selbstsperre könnte Glücksspielsucht wirksam eindämmen, davon sind Dr. Dieter Geyer, Dr. Jens Schneider und Prof. einhart Schüppel überzeugt.

Die drei Chefärzte, die mit ihren Teams in den Johannesbad Fachkliniken jährlich rund 380 Betroffene therapieren, kennen das Leid der Glücksspielsüchtigen: Betroffene leben vor ihrer Therapie nur noch für das Spiel; sie haben keine Zeit mehr für Familie oder Freunde; der Lohn wird verzockt, Schulden in oft sechsstelliger Höhe werden angehäuft. In ihrer Verzweiflung beginnen viele noch zu trinken oder Drogen zu konsumieren – laut Experten ein typisches Verhaltensmuster. „80 Prozent der Glücksspielsüchtigen leiden auch unter einer substanzgebundenen Störung“, erklärt Dr. Jens Schneider und fügt an: „Wer sich aus eigener Motivation für eine Behandlung entscheidet, hat eine deutlich günstigere Therapieprognose.“

Anfangs unterstützen Therapeuten in den Johannesbad Fachkliniken Fredeburg und Furth im Wald die Betroffenen durch Kontrollen der Finanzen und Ausgangssperren, so dass sie keine Gelegenheit zum Spiel finden. In Gruppen- und Einzeltherapien lernen die pathologischen Glücksspieler anschließend den Spiel-Impuls selbst zu kontrollieren. Außerdem üben sie, wie sie sich in kritischen Situationen verhalten und einen möglichen Rückfall vermeiden können. Stressbewältigungstraining, Panik- und Angstbewältigungstraining sowie Trainingsprogramme zum Erlernen eines besseren Umgangs mit Gefühlen sind Bausteine der Behandlung. Auch die ambulante Nachsorge vermitteln die Therapeuten aus der Johannesbad Fachklinik Hochsauerland. Sperren in Spielhallen können Rückfälle darüber hinaus verhindern.

Autor: Redaktion Rehakliniken Online

Stand: 06.04.2017

Quelle:

Johannesbad Holding AG & Co. KG

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